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Seele in Not
Depressive Menschen leiden, fühlen sich wertlos, hilflos, sind ohne Hoffnung. Dennoch, beklagen Experten, wird die Depression oft nicht erkannt und unterschätzt. Dabei lässt sich die Krankheit wirksam behandeln.
„Ich war allein“, sagt Beatrice Richter, „mit meinem Schmerz und der Verzweiflung.“ Ihr Freund, die „große Liebe“, hatte sich von der 33-jährigen getrennt und sie das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen. Tagsüber funktionierte die junge Frau, war pflichtbewusst und tüchtig bei der Arbeit. Doch abends waren ihre Kräfte aufgebraucht. Sie ging nicht mehr weg, vergrub sich zu Hause. Weinte viel. „Du bist nicht liebenswert, dieser Gedanke hat sich in den Monaten nach der Trennung in mir festgefressen. Irgendwann kamen die Gedanken, Schluss zu machen.“
Nach Misserfolgen und Enttäuschungen, nach Verlusten und Trennungen kann Bedrücktsein hilfreich sein. Der Rückzug hilft, Schweres zu verarbeiten, bringt Zeit zum Nachdenken, zum Neu- und Umorientieren. Wenn aus dem Nachdenken Grübeln wird, wenn Menschen sich durch Zweifel an sich und der Welt ermüden anstatt sich zu erholen, wenn sie statt Kraft zu schöpfen in Resignation versinken, sind das Symptome einer ernsten, auch lebensbedrohlichen Krankheit: der Depression. Ihre Warnzeichen sind anhaltende Interesse- und Hoffnungslosigkeit, ein herabgesetztes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, Antriebslosigkeit sowie Selbstmordgedanken. Hinzu kommen körperliche Symptome wie beispielsweise Schmerzen, Schlaf- und Appetitlosigkeit.
Volkskrankheit Depression
Schätzungsweise vier Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Depressionen, doppelt so viel Frauen wie Männer. Die Krankheit verläuft meist in sogenannten Episoden, die Wochen, Monate, manchmal Jahre anhalten und ohne Behandlung wiederkehren können. Zwei Drittel der Betroffenen hatten vor ihrer Erkrankung ein belastendes oder einschneidendes Lebensereignis.
Reiß dich doch zusammen!
Wenn Freunde anriefen, erfand Beatrice Richter Ausreden, um Einladungen abzulehnen. „Mit der Zeit haben sie sich zurückzogen“, sagt sie. „Kein Wunder, ich war ja ein wandelnder Trauerkloß.“ Ratschläge wie „Versuch doch mal...“, „Lass dich nicht hängen“ beschämten die Kauffrau. „Ich wollte ja, aber ich konnte nicht.“
Runterspielen, Aufmuntern, Vorwürfe oder Appelle – all das hilft depressiven Menschen nicht. Im Gegenteil. Die gut gemeinte Hilfe verstärkt schnell ihre Schuldgefühle oder das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Angehörige verausgaben, erschöpfen sich, wenn sie - meist erfolglos - alles versuchen, um das depressive Familienmitglied wieder ins „normale Leben“ zurückzuholen. Fachleute raten Angehörigen, auf die eigenen Grenzen zu achten, das Gefühl „Ich kann nicht mehr“, ernst zu nehmen. Und sich an Ärzte oder Therapeuten zu wenden. Je früher, desto besser.
Kunden der BAHN-BKK können mit „Lebenshilfe online“ ein Beratungsangebot im Internet unter www.bahn-bkk.de nutzen. Die Beratung ist über eine Anfrage per E-Mail möglich. Daneben gibt es das Angebot zu Einzel- oder Gruppenchats mit den Beratern. Dabei bleiben die Ratsuchenden selbstverständlich anonym.
Ich brauche Hilfe
„Ich war nah an der Grenze“, sagt Beatrice Richter heute. Irgendwann war ihr klar: „Es geht um mein Leben. Und dass ich es nicht ohne fremde Hilfe schaffe.“ Sie geht zum Arzt, der rät ihr zu einer stationären Behandlung – mit einer Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie.
„Selbstabwertung, gelernte Hilflosigkeit, unterdrückte Wut und die Überzeugung, ich muss alles schlucken“, gehören zum häufigen Krankheitsbild bei Depressiven, sagen Psychologen. Beatrice Richter lernt in der Klinik alle ihre Gefühle zu zeigen. Wut und Freude und Schmerz. „Und mich mit all diesen Gefühlen zu akzeptieren.“ Und sie schöpft wieder Mut und das Vertrauen auf andere zuzugehen, Bedürfnisse zu äußern.
Menschen brauchen Menschen
Als die junge Frau nach Hause in ihre Wohnung zurückkommt, ist das ein Schock. Aber Beatrice Richter ist gewappnet. Hatte sich auf einer Liste notiert, was sie tun will. Neue Möbel, Tanzkurs. Selbsthilfegruppe. Und Termine machen, mit der besten Freundin zum Beispiel. An ihre Pinnwand in der Küche hat sie den Satz gehängt „Du allein schaffst es, aber du schaffst es nicht allein.“
