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aktualisiert am: 25.01.2012

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Arzneimittelabhängigkeit – Wenn Pillen krank machen


Hand mit Pillen darauf

Rund 1,4 Millionen Deutsche sind medikamentenabhängig. Etwa genauso viele sind davon gefährdet: Sie nehmen die falschen Tabletten ein oder verwenden Medikamente zu lange oder in zu hohen Dosen. Vor allem bei Beschwerden wie Dauerkopfschmerzen, Schlaflosigkeit oder Nervosität greifen Betroffene schnell zur Pille. Allerdings wirken Beruhigungs-, Schlaf- oder Schmerztabletten nur als kurzfristige Problemlöser. Ursache für die Beschwerden sind oft dauerhafter Stress und Überlastung. Welche Gefahren der falsche Gebrauch von Arzneimitteln birgt, war Thema beim Expertenchat „Arzneimittelabhängigkeit – Wenn Pillen krank machen“ von Lebenshilfe online mit der Expertin Karin Mohn, Psychologin und Fachreferentin für Medikamentenabhängigkeit bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. Die Ratsuchenden interessierten sich vor allem für die Behandlungsmöglichkeiten und den Verlauf des Entzugs.



Die heimliche Sucht

Normalerweise nimmt man Medikamente nur kurzfristig zur Linderung und Heilung akuter Beschwerden ein. Eine Ausnahme sind Arzneimittel zur Behandlung chronischer Erkrankungen, zur Rückfallprophylaxe oder bestimmte präventiv eingesetzte Arzneien wie die „Anti-Baby-Pille“. Der Prozess des Abhängigwerdens verläuft schleichend – der Missbrauch beginnt dort, wo Betroffene ein Medikament länger oder in einer höheren Dosis als verordnet einnehmen. Selbst das nähere Umfeld merkt davon über lange Zeit nichts. Während die Folgen von Alkohol- oder Drogenabhängigkeit meist nicht zu übersehen sind, wirken Männer und Frauen, die ihre Probleme mit Tabletten zu lösen versuchen, genauso stabil wie vorher. Sie tragen ihre Beschwerden nicht nach außen und belasten so niemanden. „Medikamentenabhängige fallen oft jahrelang nicht auf, die Tabletten helfen sogar zum Teil beim Durchhalten und Aufgaben erfüllen“, bestätigt auch Karin Mohn.

Kritisch betrachtet wird im Expertenchat die Rolle der Ärzte und Apotheker. Nicht immer liegt die Ursache einer Medikamentenabhängigkeit im missbräuchlichen Verhalten von Patienten. Mitunter sind auch leichtfertige und sorglose Verordnungen suchterzeugender Medikamente oder unzureichende Beratungen in Apotheken Hintergründe für eine Arzneimittelabhängigkeit. Laut Karin Mohn werden zurzeit Modelle entwickelt, mit deren Hilfe die Beratung bei Medikamentenproblemen in Apotheken verbessert werden soll. Jedoch müsse „im gesamten professionellen Bereich zum Thema Medikamentenmissbrauch und -abhängigkeit noch viel getan werden, das Thema wurde lange vernachlässigt. Mehr Aufklärung und mehr Bewusstsein, auch bei den Ärzten selbst, wären auf jeden Fall wünschenswert.“

Vor allem Frauen sind betroffen

Etwa zwei Drittel der Medikamentenabhängigen sind Frauen. Jede fünfte Frau nimmt mindestens einmal wöchentlich ein Medikament mit Suchtpotenzial zu sich. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. So sieht die Expertin eine Ursache darin, „dass Frauen beim Arzt eher Psychopharmaka verschrieben bekommen“ und führt weiter aus: „Frauen scheinen auch öfter unter seelischen Problemen zu leiden oder zu hoffen, dass sie ihre sonstigen Probleme mit Tabletten in den Griff kriegen.“ Außerdem seien Tabletten schön unauffällig, während übermäßiger Alkoholkonsum auch heute noch nicht so gern bei Frauen gesehen wäre. Während das Thema Medikamentenabhängigkeit lange Zeit tabu war, werde es jedoch in letzter Zeit verstärkt aufgegriffen und gerade als Frauenthema offen diskutiert.