20.07.2021

Expertenchat: Umgang mit Schmerzen und Schmerzmitteln

Frau, mit einer Packung Tabletten in der Hand
Es ziept, pocht, sticht oder tut einfach nur weh: Jeder Mensch kennt Schmerzen. Und jeder erlebt sie anders und geht anders damit um.  Einige greifen sofort zu Schmerzmitteln, andere beißen die Zähne zusammen. Wie viel Schmerz muss ich eigentlich aushalten? Wann sollte ich zum Arzt? Nehme ich zu oft ein Schmerzmittel? Was kann ich bei chronischen Schmerzen mit unklarer Ursache tun? Fachkundigen Rat gibt es bei unserem Expertenchat am 2. August ab 20.30 Uhr.

Unsere Expertin
Frau Dr. Astrid Gendolla absolvierte ihr Medizinstudium in Würzburg, mit  einer Ausbildung im Bereich Innerer Medizin und Chirurgie. Nach dem Abschluss von Weiterbildungen im Bereich Neurologie und Psychiatrie hat sie das Kopfschmerzzentrum der Universitätsklinik Essen geleitet und war unter anderem Weiterbildungsberechtigte in spezieller Schmerztherapie. 2009 gründete Frau Dr. Gendolla das regionale Schmerzzentrum Essen. Zusätzlich ist sie beratend in der Entwicklung neuer Therapieverfahren zur Behandlung von Migräne tätig und hält national und international Vorträge zu dem Thema Kopfschmerzen. 

 

Vorab-Interview mit der Expertin

Wie kann ein Schmerzmittelübergebrauch oder sogar Missbrauch vorgebeugt werden?
 
Frau Dr. Astrid Gendolla: Diese Frage lässt sich pauschal so nicht beantworten, da es unterschiedliche Arten von Schmerzen gibt, die ein unterschiedliches Maß an Schmerzmitteln erfordern. Beispielsweise ist es bei Kopfschmerzen nach einer 15-tägigen Einnahme von Schmerzmitteln sogar so, dass diese ab dem 15.Tag einen medizinisch induzierten Kopfschmerz hervorrufen. Somit sorgt ein Übergebrauch hier für weiteren Schmerz, da der Körper sich an die Schmerzmittel gewöhnt hat. Hingegen ist bei Rückenschmerzen ein Schmerzmittel notwendig, um den Körper überhaupt beweglich halten zu können.

Die Wahrscheinlichkeit, dass in Deutschland Schmerzmittel als Rauschmittel missbraucht werden, ist relativ gering, da insbesondere Opiate auf einem speziellen Rezept verordnet werden müssen. Somit ist der Zugang zu Opiaten relativ schwierig und der/ die verschreibende Arzt/Ärztin ist verpflichtet, die Rezepte zehn Jahre lang aufzuheben, sodass rückwirkend verfolgt werden kann, wie viele Rezepte ausgestellt wurden.

Das Wichtigste und Sicherste ist allem voran eine ausführliche und verständliche Beratung durch den Behandelnden, sodass Patientinnen und Patienten aufgeklärt sind und sich, auch aus eigener Motivation heraus, an die Absprachen halten.
 
Sind Schmerzmittel, die rezeptfrei erwerblich sind, in der Regel ungefährlich?

Frau Dr. Astrid Gendolla: Man könnte denken, dass Schmerzmittel, die frei verkäuflich sind, eher ungefährlich sind. Doch in der Regel ist genau das Gegenteil der Fall. Oft benötigt man bei rezeptfreien Schmerzmitteln die doppelte Dosis, um die erforderliche Wirkung zu erzielen. Die fehlende Beratung durch den Arzt oder die Ärztin, ist hier oft eine Falle, da man sich allein von der Apotheke abhängig macht und keine weitere beratende Instanz dazwischen steht, die sich vorab Gedanken um mögliche Risiken und Nebenwirkungen machen kann.

Gibt es einen ungefähren Richtwert, wie lange man Schmerzen ohne Schmerzmittel aushalten sollte?

Frau Dr. Astrid Gendolla: Das hängt grundsätzlich vom Schmerztyp ab. Generell ist in Deutschland die Grundhaltung "Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ sehr vertreten. Es lassen sich grob zwei Arten von Schmerzen unterscheiden: Nervenschmerz und Körperschmerz. Beim Nervenschmerz werden Schmerzsignale fast ununterbrochen an das Gehirn weitergeleitet. Sie werden häufig als dumpf, brennend oder stechend beschrieben und können auch nach Abheilung der jeweiligen Ursache noch vorhanden sein, wenn die Nervenstruktur nachhaltig beschädigt wurde. Neben Nervenschmerz gibt es auch Körperschmerz, der sich unter anderem auch auf psychosomatische Ursachen zurückführen lässt.

Man unterscheidet zudem den akuten Schmerz vom chronischen Schmerz. Der akute Schmerz hat vor allem eine Schutzfunktion und sorgt dafür, dass wir uns z.B. auf der Herdplatte nicht gänzlich verbrennen und die Hand vorher schnell wegziehen. Hier sind Schmerzmittel nicht unbedingt notwendig, aber wenn man starke Einschränkungen hat, wieso sollte man nicht den Schmerz lindern, wenn es doch möglich wäre?  Der chronische Schmerz (länger als drei Monate) hat keine Schutzwirkung mehr und hier ist eine medikamentöse Schmerztherapie auf jeden Fall sinnvoll, um die Lebensqualität aufrecht zu erhalten.

Wieso sind manche Menschen schmerzempfindlicher als andere?

Frau Dr. Astrid Gendolla: Das Schmerzempfinden wird insbesondere durch unsere Herkunft und Erziehung beeinflusst und hat demnach viel mit dem Erlernen zu tun. Studien haben belegt, dass zum Beispiel Menschen in südlichen Ländern ihren Schmerz schneller äußern und behandeln lassen, als Menschen in nordischen Ländern. Hier lautet das Motto eher „Augen zu und durch“. Es gibt auch ein paar Menschen mit dem sogenannten Fakir-Gen, die überhaupt keinen Schmerz empfinden.
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