Traumaentlastendes Wochenende
Angebot für traumatisierte Menschen
mit und ohne PTBS

Wer an einer Posttraumatischen Belastungsstörung erkrankt ist, verirrt sich oft in extremen Gefühlen. Das Leben, wie man es davor kannte, scheint verloren. Ein traumaentlastendes Wochenende kann in dieser Situation helfen; Betroffene können ein wenig abschalten, sich austauschen und ganz viel für sich tun. Sogar enge Vertraute und Kinder können mitkommen. Lesen Sie, was Sie an dem Wochenende erwartet.
Traumaentlastendes Wochenende: Die Ankunft
Im späten Februar liegt ein stiller Zauber über Clausthal-Zellerfeld; die Tannen tragen schwer am Schnee, die Augen und Ohren aber werden leicht. Das Erlebnishotel Festenburg liegt gemütlich inmitten einer hügeligen Landschaft mit dichtem Wald. Sechs Mal im Jahr findet hier das traumaentlastende Wochenende der BAHN-BKK statt. Die weitläufige Terrasse ist verweist, ebenso der große Spielplatz, an der Wand neben dem Eingang tropft der Schnee von einigen Schlitten. Zottelige Galloway-Rinder kuscheln sich auf der Weide nebenan aneinander. Hie und da blitzt ein buntes Holzhäuschen durch den meterhohen Schnee. Pippi Langstrumpf könnte hier wohnen.
Die Umgebung
Ankommen, durchatmen: die ersten Stunden beim traumaentlastenden Wochenende
Gegenüber der Rezeption stehen zwei gemütliche Stühle in einer Nische. Auf einem sitzt Stephan, Sozialpädagoge und Traumafachberater. Und wenn er nicht da sitzt, warten seine Kolleginnen Daniela oder Martina geduldig, um die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des traumaentlastenden Wochenendes in Empfang zu nehmen; sie sollen sich gleich aufgehoben fühlen. Zusammen bilden die drei dieses Mal das Team, dass sich an dem Wochenende um die Gruppe kümmern wird, sowohl einzeln als auch gemeinsam.
Bis zum Abend trudeln in der Regel alle Teilnehmenden ein: Alleinreisende, Paare, Familien mit großen oder kleinen Kindern. Denn das ist so vorgesehen: Dass Betroffene auch ihnen wichtige Menschen zum traumaentlastenden Wochenende mitbringen können. Um sich gut zu fühlen. Aber auch, weil ein Trauma auch in die Familie einwirkt.
Das traumaentlastende Wochenende beginnt bewusst ruhig – mit Ankommen, Orientierung und dem Gefühl, hier sicher zu sein.

Wer mag, nutzt die Zeit vor dem Abendessen, um das geräumige Hotel mit Schwimm- und Saunabereich, Kegelbahn und Fitnessraum zu erkunden oder ein wenig durch die friedliche Natur zu stromern. Abends findet sich die Gruppe ein, in einem Nebenraum vom großen Gemeinschaftsspeisesaal kann sich zwischen Salat, Nudeln oder Hausmannskost und Schokopudding in Ruhe beschnuppert werden.
Der Seminarraum im ersten Stock wird für die nächsten Tage die Anlaufstelle bilden. Dorthin gelangt man über eine kleine Wendeltreppe. Einige Stühle sind in dem großen Raum im Kreis aufgestellt. Auf dem Boden, locker verteilt, liegen ein paar Gegenstände. Ein Blumenstrauß leuchtet freundlich. Wasser, Kekse, Kaffee und Tee stehen bereit. Der Raum sieht nicht aus wie ein Therapieraum.
Wenn Körper und Seele Alarm schlagen
Eine Posttraumatische Belastungsstörung ist nicht offensichtlich wie ein Beinbruch. Die quälenden Gedanken, die Ängste: das können Angehörige, Freunde, Kollegen und Kolleginnen nicht spüren. Unverständnis kann die Folge sein. Und je länger die Symptome anhalten, desto tiefer gräbt sich das Trauma, desto langwieriger wird der Weg raus und desto mehr sorgen sich enge Vertraute. Hinzu kommt: Die Diagnose ist schwerer zu stellen, als man denkt. Schlaflosigkeit, Rückzug, Antriebslosigkeit – das klingt auch nach Burnout oder nach einer Depression. „Schlimmstenfalls gibt es drei mögliche Diagnosen, von denen alle drei korrekt wären – aber nur eine davon ist die tatsächliche“, sagt Stephan. Wer Pech habe, wird jahrelang falsch behandelt.
Und obwohl die Betroffenen leiden, verharren nicht wenige in der Situation. „Oft ist es die Partnerin oder der Partner, der den Anstoß gibt, sich anzumelden“, sagt Daniela. Die Betroffenen selbst tendieren dazu zu verharmlosen. Und manchmal hat die Familie noch nicht einmal gewusst, was genau passiert ist. Man ist hier – und dann ist man plötzlich zusammen in einem Raum, in dem all das einen Namen bekommen kann.
Viele Betroffene wissen gar nicht, dass das, was sie erleben, einen Namen hat. „Sie merken, dass mit ihnen irgendetwas nicht stimmt. Aber sie können es nicht einordnen“, erklärt Daniela. Sie denken, es ist nicht normal. "Dabei ist es die normalste Reaktion der Welt auf etwas Unnormales", stellt Stephan klar. Und das traumaentlastende Wochenende setzt genau hier an: Es hilft Betroffenen, sich und ihre Symptome zu verstehen.
Traumafolgestörungen entstehen, wenn sich die körperlichen Schutzreaktionen eines Menschen beim Miterleben von Extremsituationen nicht wieder in den Normalzustand zurück regulieren. Die Reizwahrnehmung und -verarbeitung bleibt im Notfallmodus stecken. Der Körper ist ständig hellwach. Er scannt die Umgebung nach Gefahren ab. Er findet nicht mehr in den Schlaf. Auf kleinste Reize reagiert er automatisch wie auf die größte Notlage und zeigt Kampf-, Flucht- oder Abschaltreaktionen. Diese passen immer zu der erlebten Notsituation, nicht immer aber zum normalen Alltag. In diesem irritieren die Reaktionen. Sie fühlen sich unangemessen an. Manchmal beschämend. Es kommt vermehrt zu Aufregungen, Stress und Konflikten in der Familie, im Freundes- oder Kollegenkreis.
Familie Hartwein berichtet
Gemeinschaft erleben, sich austauschen
Bowlen, Spiele spielen oder einfach nur plaudern: Auch Abends gibt es zahlreiche Angebote für die Teilnehmenden.
Was bringt das traumaentlastende Wochenende?
Was nehmen die Menschen mit? Die Therapeutin Daniela fasst es so zusammen: „Erklärungen dafür, wie sie selbst gerade ticken. Ein Verständnis dafür, was ihr Nervensystem tut und warum. Einfache Techniken, die helfen, sich im Alltag zu beruhigen . Und eine Idee, wohin sie sich wenden können, wenn der Leidensdruck anhält. „Immer, wenn es über sechs Wochen hinausgeht – das braucht Hilfe von außen", sagt Daniela.
Weitere Informationen zum Wochenende
„Die traumatische Situation ist davon gekennzeichnet, dass du die Kontrolle verlierst. Wir geben hier die Kontrolle zurück“, fügt Daniela an. Das bedeutet:
- jedes Angebot ist freiwillig
- Rückzug ist jederzeit möglich
- Jeder und jede bestimmt sein und ihr eigenes Tempo
„Die Dosis darf jeder selber bestimmen, sagt Martina. Wer gar nichts sagen mag: Auch gut.
Im Laufe des Vormittags wird ein Plan für das traumaentlastende Wochenende erstellt. Das Wochenende dauert von Donnerstagabend bis Sonntagmittag. Was dazwischen passiert, folgt keinem festen Programm. Das Team nennt es „Buffet“: Die Teilnehmenden des traumaentlastenden Wochenendes suchen sich aus, was sie brauchen – und das Team fügt es in den Plan ein. Einzelgespräche, Paargespräche, Familiengespräche. Thematische Gruppen, wenn mehrere dasselbe Thema mitgebracht haben. An diesem Wochenende wird es die Suche nach Freude und Vorfreude sein. Spaziergänge im Schnee. Zeit für Sport, für Mittagsschläfchen, für eine Runde Tischtennis, Stunden, in denen gar nichts passiert außer Ausruhen. „Wenn ein Paar sagt, wir machen jetzt einfach mal einen gemeinsamen Spaziergang – super. Bitte als Bedürfnis benennen“, stellt Stephan klar.
Das Modell setzt regt etwas an, das für viele Betroffene keine Selbstverständlichkeit ist: in sich hineinhorchen. Erkennen, was man gerade braucht. Und es dann aussprechen. Deshalb wird am ersten Morgen explizit dazu eingeladen. Es gibt keine falschen Wünsche. Niemand muss sich erklären oder outen.
Das Besondere am traumaentlastenden Wochenende der BAHN-BKK: Kinder aller Altersgruppen sind nicht nur willkommen, es gibt auch ein spezielles Programm für sie. Während die Eltern in Ruhe ihre Themen besprechen können, malen, basteln und spielen die Kleinen und Größeren mit ihren Betreuenden. Auch gemeinsame Ausflüge mit den Kindern sind Teil des Angebots.
„Kinder reagieren oft hilflos – weil sie sich an einem Erwachsenen orientieren müssen, der selbst im Überlebensmodus ist“, sagt Daniela. Ein Trauma und eine PTBS verändert das Verhalten, die Kommunikation, es verändert Beziehungen. „Das ganze Familiensystem bekommt die Auswirkungen mit“, weiß sie. Manche Partner berichten: Wir reden nicht mehr. Betroffene sagen: Ich gehe lieber arbeiten. Zu Hause halte ich es nicht aus. Kinder erleben Eltern, die plötzlich anders reagieren: unberechenbar, überfordert, abwesend und abweisend. Und deshalb richtet sich das traumaentlastende Wochenende bewusst auch an Angehörige. Denn sie tragen oft mit – ohne zu verstehen, was (genau).
Anmeldung und Termin
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