Wie Männer und Frauen Chef ihrer Blase bleiben
Interview mit Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann
Mit dem Alter steigt die Möglichkeit, inkontinent zu werden. Bei den 70- bis 80-Jährigen sind bis zu 40 Prozent von Inkontinenz betroffen, Männer wie Frauen. Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann erklärt im Gespräch, welche Ursachen Inkontinenz haben kann und welche Rolle Medikamente spielen können.

Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann
Chefarzt Klinik für Urologie, Ev. Krankenhaus Witten
pulsprivat: Harninkontinenz trifft verstärkt ältere Menschen, weshalb?
Andreas Wiedemann: Aus drei Gründen. Erstens: Es treten – neben Altersveränderungen am Harntrakt - vermehrt Erkrankungen auf, die eine Inkontinenz begünstigen – Schlaganfall oder Parkinson etwa. Zweitens leidet der Mann dann unter der Prostatavergrößerung, die über Infekte, Abflussstörungen und eine Reizung der Blase zu Inkontinenz führen kann. Und drittens kann nach Prostata-Operationen – etwa beim Karzinom – Inkontinenz als Komplikation auftreten.
pulsprivat: Ist bei den Männern die Dranginkontinenz die häufigste Form?
Andreas Wiedemann: Wir sprechen heute von der überaktiven Blase, die mit Dranginkontinenz einhergehen kann, aber nicht muss. Wer mobil ist und es bei plötzlichem Drang schnell zur Toilette schafft, hat eine trockene überaktive Blase; wer es nicht schafft, hat eine nasse überaktive Blase. Es ist dieselbe Erkrankung in verschiedenen Schweregraden. Zusammen mit der Belastungsinkontinenz deckt die überaktive Blase rund 97 Prozent aller Inkontinenzformen ab.
pulsprivat: Woran erkenne ich eine überaktive Blase?
Andreas Wiedemann: Ich kann nicht mehr lange warten, ich muss sofort. Der Drang fühlt sich an wie fünfhundert Milliliter Blasenfüllung und dann kommen fünfzig. Das kann beim Mann an der Prostata liegen, muss es aber nicht.
pulsprivat: Ab wann sollte man zu Ärztin oder Arzt gehen?
Andreas Wiedemann: Das hängt davon ab, wie stark das Leben beeinträchtigt ist. Manche Patienten trauen sich nicht mehr ins Kino oder Theater, machen keine Besuche mehr. Depressives Verhalten ist die Folge, sozialer Rückzug und dieser fördert im hohen Alter wiederum die Demenz. Eine Inkontinenz ist zudem häufig der Auslöser für eine Heimunterbringung: Wenn Oma oder Opa undicht werden, müssen sie weg. Deshalb ganz klar: Wer merkt, dass die Blase die Befehlsgewalt über den Tagesablauf gewinnt, bei dem muss etwas passieren. Man muss dafür längst nicht immer operieren.
pulsprivat: Was wird Arzt oder Ärztin machen?
Andreas Wiedemann: Zunächst schließt er eine Infektion aus – nicht jede meldet sich mit Brennen. Gerade im Alter besiedeln Bakterien mitunter den Harntrakt und reizen die Blase. Dann prüft er, ob die Blase sich vollständig entleert, denn Restharn ist ein Risikofaktor für Folgeerkrankungen. Liegt es beim Mann an der Prostata, gibt es Medikamente, die sie sehr zuverlässig abschwellen lassen, sodass das Wasserlassen wieder besser funktioniert. Ist die Blase selbst überaktiv, lässt sie sich mit Tabletten dämpfen. Reicht das nicht aus, behandeln wir mit Botox – aber das ist erst der dritte Schritt.
Belastungsinkontinenz
Wenn eine Frau beim Husten, Niesen oder Sport Urin verliert, aber keinen Harndrang hat, spricht das eher für eine Belastungsinkontinenz. Die Belastungsinkontinenz steht in enger Verbindung mit Schwangerschaft und Geburt.
Dranginkontinenz
Starker Harndrang und häufige Toilettengänge weisen in Richtung Dranginkontinenz. Sie ist gekennzeichnet durch eine überaktive Blase.
pulsprivat: Manche Tabletten scheinen das Demenzrisiko zu erhöhen. Was ist da dran?
Andreas Wiedemann: Da müssen wir sortieren. Für die überaktive Blase gibt es zwei Medikamentengruppen: die Anticholinergika, die die Muskelkraft der Blase dämpfen, und die Beta-3-Adrenergika, die die Blase zwischen den Toilettengängen entspannen. Unter den Anticholinergika gibt es Substanzen, deren Chemie so beschaffen ist, dass sie auch im Gehirn anfluten und dort kognitive Prozesse dämpfen. Das kann man an Schwindel, Konzentrationsmangel oder Schlafstörungen merken – man muss es aber nicht merken. Und es gibt in dieser Gruppe eine Substanz, das Trospiumchlorid, die aus chemischen Gründen gar nicht erst ins Gehirn gelangt. Bei hochbetagten Patienten, zumal mit beginnender Demenz, ist es für mich die bevorzugte Wahl. Deshalb: Bei Schwindelgefühlen und Schlafstörungen nachfragen, ob es eine Nebenwirkung sein könnte.
pulsprivat: Gibt es Medikamente, die Inkontinenz auslösen?
Andreas Wiedemann: Die Liste ist lang – rund hundert Präparate. Da sind zum einen Medikamente etwa gegen Bluthochdruck, die eine Harnflut auslösen. Bestimmte Diabetesmedikamente, die Flozine, bringen den Zucker in den Harn; der zieht Flüssigkeit nach, die Menschen müssen häufiger – und der Zucker im Urin begünstigt obendrein Infekte. Und dann gibt es eine ganze Reihe von Medikamenten, die die Blase direkt stimulieren. Das gemeinste Beispiel sind die Antidementiva.
pulsprivat: Die Mittel gegen Demenz?
Andreas Wiedemann: Ja. Das Antidementivum regt bestimmte Botenstoffe im Gehirn an – dieselben Botenstoffe gibt es aber auch in der Blase. Damit gibt der Neurologe Gas und treibt die Blase mit an. Der Patient muss ständig zur Toilette, entwickelt eine überaktive Blase – und der Urologe bremst mit Anticholinergika dagegen. Wählt der dann auch noch eine gehirngängige Substanz, macht er dem Neurologen zusätzlich die Antidementiva-Wirkung kaputt. Ein Lehrstück für Medikamenteninteraktionen.
pulsprivat: Solche Konstellationen dürften kein Einzelfall sein
Andreas Wiedemann: Nein, und ich habe dafür einen eigenen Begriff geprägt: Multiiatrogenität. Gemeint ist, dass man von vielen Ärzten gleichzeitig behandelt wird – und keiner kennt die Therapien des anderen. Dann behindern sich zwei Medikamente, oder das eine verschlimmert, was das andere bessern soll. Hinzu kommt die altersabhängige Multimorbidität: Oft werden mehrere Krankheiten gleichzeitig behandelt. Ab fünf Substanzen sprechen wir von Multimedikation, und dann ist mit ziemlicher Sicherheit eine Wechselwirkung dabei.
pulsprivat: Wie lässt sich so ein Teufelskreis durchbrechen?
Andreas Wiedemann: Indem man miteinander spricht: Muss es wirklich ein Antidementivum sein und muss es unbedingt dieses sein?
pulsprivat: Aber wer soll bei mehreren Medikamenten den Überblick behalten?
Andreas Wiedemann: In der Urologie verschreiben wir zehn Substanzgruppen. Ich bin der Ansicht, da habe ich die Pflicht, zu wissen, welche Wechselwirkungen es gibt. Und wir haben harntrakt.de entwickelt: Wer dort „Harninkontinenz" eingibt, bekommt die Liste der Medikamente, die sie auslösen können, samt Risikobewertung.
Übersicht an Substanzen, die eine solche Harntraktnebenwirkung auslösen können finden Sie auf: harntrakt.de
Beckenboden-Physiotherapie
Die Arbeitsgemeinschaft für Gynäkologie, Geburtshilfe, Urologie und Proktologie, AG GGUP, bieten passende Physiotherapie speziell für den Beckenboden in Ihrer Nähe - für Männer, für Frauen, für diverse Menschen und für Kinder.
Therapeut*innenliste der AG GGUP
Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft e. V. bietet auch eine Expertensuche mit rund 1.000 Fachkräften an: https://www.kontinenz-gesellschaft.de/expertensuche/.
„Eine Windel ist kein Schicksal“
Im zweiten Teil des Interviews spricht Prof. Dr. med Andreas Wiedemann über Inkontinenz als Folge einer Prostata-Operation und ein doppeltes Tabu im Gesundheitssystem.
pulsprivat: Das Prostatakarzinom ist die häufigste Krebserkrankung des Mannes in Deutschland – und seine Behandlung hat Nebenwirkungen, über die selten offen gesprochen wird: Harninkontinenz und Impotenz. Wie häufig kommt es zu Inkontinenz nach einer Prostata-Operation?
Andreas Wiedemann: Das lässt sich gar nicht so einfach beantworten, denn die Zahlen hängen erstaunlich stark davon ab, wer fragt. Befragt der Operateur die Patienten, die er selbst operiert hat, sind achtzig Prozent kontinent. Fragt sein Assistenzarzt, sind es siebzig Prozent, bei einer medizinischen Hilfskraft sechzig – und wenn ein Laie fragt, nur noch fünfzig Prozent. Hinzu kommt ein Definitionsproblem: Manche Statistiken zählen Männer, die zwei Vorlagen am Tag benötigen, noch zur kontinenten Gruppe, andere nicht. Zieht man die Grenze bei zwei Vorlagen, kann man sagen: Rund achtzig Prozent der Patienten sind nach der Operation kontinent, zwanzig Prozent tragen eine gewisse Inkontinenz davon.
pulsprivat: Davontragen heißt: dauerhaft?
Andreas Wiedemann: Ja. Man darf allerdings nicht drei Wochen nach der Operation Bilanz ziehen – der Harntrakt ist dann erst einmal umgebaut, alles muss zur Ruhe kommen. Üblicherweise macht der Mann in der Reha Beckenbodentraining, und nach sechs Monaten ist der Zustand im Wesentlichen fixiert, spätestens nach einem Jahr. Dann bleibt bei etwa zwanzig Prozent eine relevante Inkontinenz zurück.
pulsprivat: Um welche Form der Inkontinenz handelt es sich?
Andreas Wiedemann: Am häufigsten handelt es sich um eine Schädigung der Beckenbodenmuskulatur – entweder direkt oder durch eine Irritation der zuführenden Nervenstrukturen. Seltener liegt eine Überaktive Blase, häufig nach Bestrahlungen, oder eine Mischform nach einer Radikal-Operation der Prostata vor. Bei Operationen einer gutartigen Prostatavergrößerung sind andauernde Inkontinenzprobleme extrem selten.
pulsprivat: Beckenbodentraining verbindet man eher mit Frauen. Gibt es das Training auch speziell für Männer?
Andreas Wiedemann: Ja, und das ist gar nicht trivial. Beckenbodenphysiotherapie bedeutet nicht, die Pobacken zusammenzukneifen. Es gibt speziell geschulte Physiotherapeuten mit einer Zusatzausbildung – der Berufsverband vergibt dafür ein eigenes Zertifikat. Deren Übungen für Männer unterscheiden sich grundlegend von denen für Frauen. Sehr sinnvoll finde ich auch apparative Unterstützung: Früher arbeiteten Beckenbodenstimulationsgeräte mit Elektroden, die anal oder vaginal eingeführt wurden. Heute geht das kontaktfrei: Der Patient sitzt angezogen auf einer Sensorplatte, die registriert, wann er den Beckenboden anspannt, und spiegelt ihm das über eine App zurück. Trifft er mit einem Pfeil einen Luftballon, zerplatzt der – der Patient wird spielerisch zum Üben angehalten.
pulsprivat: Und wenn Training und Stimulation nicht ausreichen?
Andreas Wiedemann: Dann kann man auch operativ etwas tun. Es gibt die Möglichkeit, einen künstlichen Schließmuskel einzubauen, es gibt sogenannte „Bulking Agents“ – eine Art Gel, das zur Unterstützung um den Schließmuskel gespritzt wird – und es gibt Ballonsysteme. Das kommt allerdings für Männer mit drastischer Inkontinenz infrage, die im Prinzip gar nicht mehr zur Toilette gehen, weil alles in die Vorlage läuft. Letzter Rettungsanker sind Katheter oder Kondomurinale, die den Urin in einem Beutel sammeln.
pulsprivat: Lange galt die Strahlentherapie als die schonendere Alternative zur Operation bei Prostatakrebs. Zu Recht?
Andreas Wiedemann: Langzeitstudien zeigen, dass sich die Ergebnisse bezüglich der Kontinenz und der Potenz angleichen. Die Strahlentherapie kann das umliegende Gewebe – Blase, Schließmuskel, Harnröhre schädigen – nur laufen diese Prozesse über Jahre. Das gilt insbesondere auch für die Potenz: Bei der Operation können Potenznerven durchtrennt werden, das wirkt sofort. Bei der Bestrahlung vernarbt das Gewebe um die Nerven langsam, und nach zwei, drei oder fünf Jahren kann eine erektile Dysfunktion auftreten. Bei der Inkontinenz ist es ähnlich: Durch die Strahlenschädigung der Blase entwickelt sich nicht selten eine Reizblase.
pulsprivat: Wonach sollte sich die Wahl der Therapie dann richten?
Andreas Wiedemann: Es ist ja nicht so, dass ich beim Prostatakarzinom ans Regal gehe und mir die Therapie herausziehe, die mir am genehmsten ist. Es muss onkologisch geschaut werden: Welches Tumorstadium liegt vor, was ist das Beste für den Patienten? Erfreulicherweise gibt es heute viele Karzinome, die man gar nicht behandeln, sondern nur überwachen muss – Stichwort „Active Surveillance“. Bei sehr kranken, multimorbiden Patienten gilt zudem die Strategie des „Watchful Waiting“: Behandelt wird nur, wenn der Krebs Beschwerden macht. Es ist gut, dass wir langsam gegensteuern gegen die Übertherapie, die in Deutschland vielfach betrieben wurde.
pulsprivat: Woran machen Sie diese Übertherapie fest?
Andreas Wiedemann: Es ist kein Zufall, dass wir – auf die Bevölkerungszahl gerechnet – sechsmal mehr Radikaloperationen beim Prostatakrebs haben als Schweden. Dort werden neunzig Prozent der Männer, deren Karzinom man nur überwachen müsste, tatsächlich überwacht. In Deutschland sind es keine zwanzig Prozent, der Rest wird operiert. Warum? Man kann sagen: sicherheitshalber. Man kann aber auch sagen: weil auch Krankenhäuser Geld verdienen müssen. Ein Krankenhaus bekommt keinen Preis dafür, Prostatakarzinome nicht zu operieren – sondern dafür, möglichst viele zu operieren. Das ist ein Dilemma unserer Gesundheitspolitik.
pulsprivat: Stichwort Robotik. Studien deuten darauf hin, dass sie im OP gar nicht überlegen ist.
Andreas Wiedemann: Es gibt keine einzige Studie, die eine Überlegenheit beweist – weder beim Besiegen des Karzinoms noch bei der Kontinenz, noch bei der Potenz. In den wenigen randomisierten Untersuchungen zeigt sich ein einziger kleiner Punkt: Nach drei Monaten sind die robotisch operierten Patienten etwas trockener als die offen oder laparoskopisch operierten. Nach sechs Monaten ist alles gleich. Da muss man sich fragen, ob die Mehrkosten gerechtfertigt sind. Der Roboter ist sicher ein schönes Tool, aber ein wissenschaftlicher Mehrwert ist bisher nicht bewiesen.
pulsprivat: Was mache ich als Betroffener, der gerade die Diagnose Prostatakrebs bekommen hat – was frage ich meinen Operateur?
Andreas Wiedemann: Ich sollte gerade nicht meinen Operateur fragen. Fragst du einen Operateur, kriegst du eine Operation. Ich sollte meinen Haus-Urologen fragen, mir eine zweite Meinung einholen und in Ruhe nachdenken. Prostatakrebs ist – anders als etwa eine Leukämie – keine Erkrankung, bei der es um Geschwindigkeit geht. Ich kann mir sechs Wochen Zeit nehmen, mich informieren, mit Selbsthilfegruppen sprechen und dann abwägen: Welches Karzinom habe ich, welche Optionen sind gleichwertig? Wer die Überwachung aushält – mit anfangs halbjährlichen Biopsien und einem gewissen Damoklesschwert –, für den ist sie in vielen Fällen eine schöne Option. Und wer auf keinen Fall operiert werden will oder schon älter ist, ist mit der Bestrahlung womöglich gut beraten.
pulsprivat: Welche Rolle spielt das Alter?
Andreas Wiedemann: Eine große, denn der Schließmuskel selbst altert. Mit fünfundzwanzig haben wir am meisten Muskulatur, danach verlieren wir jedes Jahr etwa ein Prozent Muskelmasse – mit siebzig bleiben von der ursprünglichen Muskelkraft nur noch rund zwanzig Prozent. Als ich junger Assistenzarzt war, hieß es deshalb: über siebzig keine radikale Prostatektomie mehr, weil die Kontinenzergebnisse deswegen schlecht sind. Man kann heute zweifellos besser operieren. Aber inzwischen werden teilweise Achtzig-sogar Neunzigjährige operiert – und das ist der helle Wahnsinn. Diese Männer erleben den Vorteil der Operation nicht mehr; sie sterben, bevor das unbehandelte Karzinom sie umgebracht hätte, haben aber die Komplikationen einer Operation oder die Nebenwirkungen einer medikamentösen Tumortherapie jahrelang ertragen. Auch da lässt die Vergütung in unserem Gesundheitssystem grüßen: Ich operieren , obwohl es onkologisch und geriatrisch vielleicht gar keinen Sinn ergibt.
pulsprivat: Auch der Muskelschwund im Alter, die Sarkopenie, wird als Operationsrisiko diskutiert.
Andreas Wiedemann: Das ist so. Als Operateur denkt man immer, die dünnen Patienten seien die schöneren – weniger Fett im Bauch, man findet sich leichter zurecht. Aber vergleicht man bei gleichem Tumorstadium und Alter Patienten mit Sarkopenie und solche mit guter Muskulatur, schneiden die Sarkopenie-Patienten schlechter ab: Sie sterben früher, sie haben häufiger Rezidive. Sarkopenie muss man als Risikofaktor für jede Operation begreifen.
pulsprivat: Was kann man vor einer OP tun?
Andreas Wiedemann: Idealerweise lernt der Mann seinen Beckenboden schon vor der Operation kennen. Frauen haben durch die Monatshygiene eine andere Beziehung zu ihrem Beckenboden, Männer in aller Regel gar keine. Wer vom Physiotherapeuten vorher lernt, wo der Beckenboden ist und wie man ihn anspannt, bevor der Druck von oben kommt, hat hinterher ein besseres Ergebnis.
pulsprivat: Wir haben bisher über Harninkontinenz gesprochen. Droht nach solchen Eingriffen auch eine Stuhlinkontinenz?
Andreas Wiedemann: Nach Prostatakarzinom-Operationen spielt das kaum eine Rolle. Bei der Bestrahlung schon eher: Es gibt das Krankheitsbild der Strahlenproktitis, bei der sich der Enddarm entzündet, mit Durchfall und mitunter Stuhlinkontinenz. Ein großes Thema ist sie bei Operationen des Rektumkarzinoms, wenn ein Tumor nahe am Schließmuskel entfernt werden muss – aber das kann Ihnen ein Darmchirurg besser erklären.
pulsprivat: Sie kritisieren, dass sich viele Ärzte des Themas Inkontinenz gar nicht annehmen. Woran liegt das?
Andreas Wiedemann: Wir tabuisieren doppelt: Der Patient traut sich nicht – und der Arzt tabuisiert auch, weil mit Inkontinenz kein Geld zu verdienen ist. Die Erstattungsbeträge für die Versorgung liegen bei fünfzehn bis siebzehn Euro im Monat. Die urodynamische Messung, eine aufwendige, aussagekräftige Untersuchung, wird praktisch nicht mehr vergütet – also macht sie kaum noch jemand. In der Onkologie verordne ich Medikamente für viertausend Euro im Monat; die gängigen Inkontinenzmedikamente dagegen sind über Festbeträge und Rabattverträge auf teils sieben Cent am Tag gedrückt. Die Folge: Kein Hersteller forscht mehr auf diesem Gebiet. Wir schieben die Patienten weg in eine schlecht gemachte Selbstversorgung vom Drogeriemarkt. Als Deutsche Kontinenz Gesellschaft versuchen wir, der Politik beizubringen, dass wir ein strukturiertes Behandlungsprogramm für Harninkontinenz brauchen.
pulsprivat: Was raten Sie Betroffenen konkret?
Andreas Wiedemann: Sich dem Hausarzt, Urologen oder Gynäkologen gegenüber outen. Und wenn der abwiegelt – „Ach, das hat man im Alter schon mal, nehmen Sie eine Vorlage“ – dann bitte am Ball bleiben und klar sagen: Ich wünsche eine Diagnostik und eine Therapie. Funktioniert das nicht, sollte man den Arzt wechseln. Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft hat ein Netz von Beratungsstellen – Ärzte mit dem Know-how und der Bereitschaft, sich vorrangig um Inkontinenz zu kümmern – und rund fünfzig Beckenbodenzentren für komplexe Fälle.
pulsprivat: Eine Windel ist also kein Schicksal?
Andreas Wiedemann: Eine Windel ist kein Schicksal. Sie ist aus meiner Sicht dann eine erlaubte Versorgung, wenn ich alles andere versucht habe und es nicht geht. Aber eigentlich gilt: Wenn man sich Mühe gibt, gibt es fast immer eine schönere Lösung.
Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft e.V. ist eine medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft, die sich auf Prävention, Diagnostik und Behandlung von Harn- und Stuhlinkontinenz sowie Beckenbodenstörungen spezialisiert hat. Sie bietet neben umfassenden Informationen außerdem eine Liste mit 1000 Experten und Expertinnen, die sich auf das Thema Inkontinenz und Beckenbodenfunktionsstörungen spezialisiert haben.