Tatsächlich Liebe

    Sie gilt als Elixier des Lebens, als Stoff, aus dem die Sehnsucht ist: die Liebe. Für alte wie für junge Menschen. Die Liebe zu finden aber wird immer mühsamer. Von der Suche nach dem alten Glück im neuen Spiel.

    Als Ellen ihren Johann kennenlernt,ist sie 80. Auf einer Dating-Plattform„matcht“ es zwischen denBeiden. Unzählige kleine weiße Lockenzieren ihren Kopf und wennsie über die Liebesbriefe spricht,die sie sich anschließend geschriebenhaben, lacht sie verschmitzt.Nicht jugendfrei seien die gewesen,sagt sie. „Sexuelle Wünschegehen nicht irgendwann verloren.Sie bleiben lebenslang“,gibt Ellen offen zu. Die erste Nachthätten sie vielleicht 10 Minutengeschlafen.
     Johann erklärt: „Ichwollte noch gerne ein Mal inmeinem Leben eine ganz großeLiebe haben.“ Er bedauert: „DasProblem ist, dass wir nicht mehr50 Jahre Zeit haben.“ Und weilZeit kostbar ist, heirateten sie wenigeMonate später.
    Auch der 81-jährige Hans und die72-jährige Anneliese haben nochmal geheiratet. Sie kuschelt ganzgern mit dem Hans, bemerkt sie.Und Hans ist sicher, dass seineerste Frau einverstanden gewesenwäre mit seiner Wahl. Anneliesebesuche ihr Grab mit ihm. Für Anneliese scheinbar selbstverständlich. Sie sagt: „Für die Liebe ist es nie zu spät.“
     

    Und auch nicht für den Sex: Lautder Deutschen Gesundheits- undSexualitäts-Studie, GeSiD, haben66- bis 75-Jährige noch ein Malim Monat Sex. Doch offen darüberreden tun die wenigsten. DiePsychologin Prof. Dr. phil. AstridRiehl-Emde, ehemalige Leiterinder Spezialambulanz für älterePaare in Heidelberg, erklärte voreinigen Jahren im Rahmen einesInterviews, dass nur etwa 10 Prozentder Paare, die in die Sprechstundekamen, ihre Sexualität alsbefriedigend bis gut bezeichneten.Meist käme auch Zärtlichkeitzu kurz. Nachlassende Potenzebenso wie die Angst, nicht mehrattraktiv gefunden zu werden,erscheinen als meterhohe Mauer.Und auch Ellen sagt: „Mit 80 Jahrenfühlt man sich selbst nichtmehr attraktiv.“ Die PsychologinRiehl-Emde: Wenn Paare den Mutaufbringen, über ihre Sexualitätzu sprechen, kann es zu erfreulichenEntwicklungen kommen. Auch ein wenig mehr Abstand im Alltag sei hilfreich für eine gute Paarbeziehung jenseits der Rente.

    Wenn Paare den Mut aufbringen, über ihre Sexualität zu sprechen, kann es zu erfreulichen Entwicklungen kommen.

    Damals: Sex erst in der Ehe

    Damals bereitete man Töchter mit Aussteuer auf Ehe und Haushaltsführung vor. Erst 15 Jahre später würde das Ehe- und Familienrecht reformiert werden und Ellen würde ohne die Zustimmung ihres Mannes arbeiten dürfen. Wer alleinerziehend war, galt als gesellschaftlich gescheitert. Der erste Sex fand in der Regel erst in der Ehe statt. 

    Heute erleben Jugendliche ihr erstes Mal mit durchschnittlich 19 Jahren – das ist laut Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit 2 Jahre später als noch 2019. Meist geschieht das in einer festen Beziehung, und neun von zehn jungen Menschen sprechen selbstverständlich über Verhütung.

    Ganz allgemein lassen sich Jugendliche heute mehr Zeit mit der Liebe. Ihr Fokus hat sich verschoben. Laut einer Studie der Universität Mainz sind 14- bis 20-Jährige als Singles zufriedener als noch vor einer Dekade. „Jugendliche hängen weniger stark dem Glauben an, eine Beziehung zu brauchen, um glücklich zu sein. Dieser Wert hat sich Anfang der 2000er Jahre spürbar verändert”, sagt Studienautorin Dr. Tita Gonzalez Avilés. 

    Längere Ausbildungszeiten, ein verändertes Werteklima und mehr gesellschaftliche Akzeptanz für das Singlesein spielten dabei eine Rolle. „Was früher vielleicht als Makel galt, ist heute einfach eine von vielen möglichen Lebensformen." Mit zunehmendem Alter verschiebe sich das allerdings. Bei sogenannten Dauersingles – Menschen, die bis ins Erwachsenenalter keine Partnerschaft hatten – steige das Risiko, unzufriedener und einsamer zu sein. Besonders spürbar werde das Ende zwanzig, Anfang dreißig, wenn Familiengründung zum Thema wird.

    Heute: Einseitig aufgeklärt durch Pornografie

    Was sich ebenfalls verändert hat: Die Konfrontation mit Pornografie beginnt früher und im großen Stil – und was dort gezeigt wird, prägt Vorstellungen davon, wie Sex aussehen soll. So ergab eine Untersuchung aus 2025 der Landesanstalt für Medien NRW, dass 47 Prozent der 11- bis 17-Jährigen in Deutschland Pornos gesehen haben. Der Anteil der Minderjährigen, die pornografische Inhalte wahrnehmen, sei damit in den letzten zwei Jahren um über ein Drittel gestiegen.

    43 Prozent der befragten Jungen gab an, die in den Pornos gezeigten Inhalte selbst im echten Leben ausprobieren zu wollen. Ebenfalls sind Praktiken wie Schlagen oder Würgen beim Sex nicht nur sichtbarer, sondern wahrscheinlich auch verbreiteter.

    „Ich dachte lange, es sei normal, wenn Typen beim Rambazama den Kopf runterdrücken, also wenn du ihm halt gönnst“, erzählt die Content Creatorin Marie-Joan Schmidt unverblümt auf Instagram während sie sich ihre Augenbrauentuscht. Lange hätte sie sich eingeredet, dass sie darauf stünde. „Aber mir hat das natürlich nie gefallen, ich habe es aber ihm zuliebe ausgehalten“, führt sie weiter aus. Es sei nicht normal, wenn er das ungefragt macht, macht Schmidt klar. 71,100 Likes hat sie dafür von der Community bekommen.

    Die 24-Jährige gilt als Aufklärerin für die Gen Z. Auf TikTok, Instagram und Youtube thematisiert sie Sexualität, Beziehungen und Selbstbestimmung und das sehr offen und teils witzig. Ungefragt, erzählt sie weiter in dem Reel, sei sie auch schon als 16-Jährige beim Sex ins Gesicht geschlagen worden. Abermals macht sie deutlich: 

     

    „Jemand der Dich mag, macht nichts ungefragt.“

    Modern lieben, traditionell träumen

    Was geblieben ist: Von allen Lebenszielen räumen Jugendliche stabilen Partnerschaften, Freundschaften und Familie den höchsten Stellenwert ein – so die aktuelle Shell Jugendstudie. Beziehungen und Familie bleiben der Dreh- und Angelpunkt für das eigene Wohlbefinden.

    In eine ähnliche Richtung deutet auch eine andere Studie: Auf die Frage, was eine glückliche Beziehung ausmache, sei darin der am häufigsten genannte Aspekt Intimität gewesen, so Gonzalez Avilés. „Also das Gefühl von Nähe, Verbundenheit, ein liebevoller Umgang miteinander. Danach folgen Unterstützung und Fürsorge: sich aufeinander verlassen zu können, füreinander da zu sein.“ Die Sehnsucht nach Bindung und Gemeinschaft spiegeln auch die Zahlen. Dr. Andrea Lengerer vom Leibnitz Institut für Sozialwissenschaften erforscht seit rund 20 Jahren Partnerschaften und Lebensformen in Deutschland und das auf Basis des Mikrozensus, der größten amtlichen Haushaltsbefragung des Landes. Sie sagt: „Die Ehe geht zurück – deutlich und kontinuierlich. Von einer Singlegesellschaft aber kann man nicht reden.“ Denn auch wenn Menschen seltener heirateten, sie würden dennoch zusammenleben. „Und das ebenfalls deutlich und kontinuierlich“, sagt sie. Darüber hinaus steigt die Zahl der Singles moderat. „Und bei genauerem Hinsehen handelt es sich weniger um einen Rückzug aus Partnerschaften als um einen Aufschub. „Das Heiratsalter steigt seit Jahrzehnten kontinuierlich an, ebenso das Alter, in dem Menschen erstmals mit einem Partner zusammenziehen“, sagt Lengerer.

     

     

    Auffällig: Früher waren es vor allem Männer mit niedrigem Bildungsstand und hochgebildete Frauen, die auf dem Partnermarkt weniger Chancen hatten. Heute gilt das für beide Geschlechter bei niedrigem Status. „In einer Gesellschaft, in der in Partnerschaften in aller Regel beide erwerbstätig sind, wird Bildung als Attraktivitätsmerkmal wichtiger. Das ist der wahrscheinliche Mechanismus dahinter", so Lengerer. 

     

    Dating-Apps: Mehr Fluch als Segen?

    Und auch das ist ganz anders: Seit Tinder 2012 auf den Markt kam, waren die Möglichkeiten, Menschen kennenzulernen, nie größer. Ellen und Johann haben sich darüber gefunden – und sie sind keine Ausnahme: Laut Bitkom Research suchen 61 Prozent der 16- bis 18-Jährigen die Liebe über Apps. Aber auch 35 Prozent der 60- bis 69-Jährigen und noch 21 Prozent der über 70-Jährigen tun das. Und doch wächst insbesondere bei den Jugendlichen die Zahl derer, die sich einsam fühlt. Hinzu kommt: „Viele jüngere Menschen haben größere Hemmungen, andere im echten Leben anzusprechen, weil textbasierte Selbstinszenierung längst normaler geworden ist als spontane Begegnung“, so die Beobachtung von Prof. Dr. Wera Aretz, Psychologin und Paartherapeutin.

    „Ich unterrichte an einer Hochschule und habe ein Paar kennengelernt, das im gleichen Studiengang studiert – und sich trotzdem über Tinder kennengelernt hat. Das erzählt etwas über veränderte Kontaktgewohnheiten. Und: Jüngere Nutzende knüpfen den Selbstwert besonders stark an die Anzahl ihrer Matches.“

     

    Und: Jüngere Nutzende knüpfen den Selbstwert besonders stark an die Anzahl ihrer Matches.“ Auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften nehmen seit Mitte der 1990er Jahre kontinuierlich zu, wenn auch auf niedrigem Niveau

    Ghosting in der Liebe: lieber bequem als sensibel

    Gleichzeitig scheint mit all den Möglichkeiten die Erschöpfung zu wachsen: Wer lange und intensiv Apps nutzt, kann echte Symptome entwickeln: emotionale Taubheit, Zynismus gegenüber potenziellen Partnerinnen und Partnern, das Gefühl, trotz allem Aufwand nichts zu erreichen – das ist das Ergebnis einer Untersuchung, die Aretz, durchführte. Drei Hauptursachen habe man identifiziert: „Erstens ausbleibender Erfolg – wer eine feste Partnerschaft sucht, aber nach Monaten oder Jahren keine einzige tragfähige Beziehung aufgebaut hat, erlebt das als chronische Frustration“, erläutert sie. 

    Zweitens Ghosting: das kommentarlose Verschwinden, das auf Dating-Apps zur Norm geworden ist, in jeder Phase – vom ersten Match bis nach dem persönlichen Treffen. „Ich kenne eine Frau, die sich mit einem Mann zum Picknick verabredet hatte. Er holte angeblich die Thermoskanne aus dem Auto – und fuhr einfach weg. Alle Kanäle gelöscht, kein Wort. Das ist keine Bagatelle, das ist eine tiefe Verletzung."