Parodontitis

    Frau schaut in den Badspiegel und befühlt ihr schmerzendes Zahnfleisch

    Laut der aktuellen Deutschen Mundgesundheitsstudie haben 17,5 % der 35- bis 44-Jährigen eine Parodontitis. Bei den 65- bis 74-Jährigen sind mehr als die Hälfte an Parodontitis erkrankt. Mit weitreichenden Folgen, die allerdings verhindert werden können.

    Was ist Parodontitis und wie entsteht sie?

    Gingivitis: Die Vorstufe der Parodontitis

    Wer war noch nie in Versuchung, schlafen zu gehen, ohne vorher die Zähne geputzt zu haben? Und wer hat noch nie etwas lieblos über seine Zähne geschrubbt, weil Zeit und Ruhe fehlten? Verständlich ist es, sinnvoll dagegen nicht. Denn: Wer sich beispielsweise eine Woche lang nicht die Zähne putzt, provoziert eine Zahnfleischentzündung, die Gingivitis. „Bakterien bilden einen Biofilm auf den Zähnen, der nach etwa 2 Wochen ausgereift ist und eine Entzündungsreaktion des Zahnfleischs hervorruft“, erklärt Prof. Dr. Bettina Dannewitz. Bleibt es bei der Gingivitis, kann die Entzündung durch die gründliche Entfernung der Zahnbeläge beseitigt und die Mundgesundheit wiederhergestellt werden. So weit, so gut.

    Aus der Zahnfleischentzündung wird Paradontitis

    Zwar gibt es sehr wenige Menschen, die trotz schlechter Mundhygiene zwar eine Gingivitis, aber keine Parodontitis entwickeln. Bei allen anderen setzt eine unbehandelte Zahnfleischentzündung jedoch einen fatalen Prozess in Gang: Über die Monate und Jahre bilden sich Taschen zwischen Zahn und Zahnfleisch, in denen sich Bakterien ansiedeln. Wird nicht gegengesteuert, werden diese Taschen mit der Zeit immer tiefer, das Zahnfleisch zieht sich zurück, der Kieferknochen baut sich ab – in fortgeschrittenen Fällen lockern sich die betroffenen Zähne und können letztendlich ausfallen. Und auch wenn Parodontitis eine Erkrankung des höheren Erwachsenenalters ist, gibt es auch junge Menschen, die diese Erkrankung haben. Hier spielen weitere Risikofaktoren hinein. 

    Parodontitis oder Parodontose?

    Früher war die Parodontitis auch unter dem Begriff Parodontose bekannt, der Begriff gilt aber als veraltet.

    Ist Parodontitis heilbar?

    Wer die Diagnose Parodontitis erhalten hat, sollte wissen: Parodontitis ist eine chronische Erkrankung. Ganz gleich, in welchem Stadium man sich befindet. „Parodontitis ist ein bisschen wie Diabetes. Man kann die parodontale Situation stabilisieren, dafür muss aber der Patient mitarbeiten“, erklärt Dannewitz. Im ersten Schritt geht es dann darum, die Entzündung zu beseitigen und die Zerstörung des Zahnhalteapparats zu stoppen. Dabei folgt die Therapie einem klar strukturierten Konzept, das sich an der individuellen Schwere der Erkrankung orientiert.

    Ursachen: Diese Faktoren begünstigen Parodontitis

    Wer keine Parodontitis bekommen möchte, sollte deshalb auf gute Mundhygiene achten. Wer raucht, sollte damit aufhören: Denn wer 30 Zigaretten täglich raucht, hat ein fast sechsfach erhöhtes Parodontitis-Risiko. Zudem beeinträchtigt Nikotin die Wundheilung und verschlechtert Therapieergebnisse erheblich. Auch Diabetes mellitus erhöht das Risiko – interessanterweise funktioniert dieser Zusammenhang in beide Richtungen: Parodontitis ist auch ein Risikofaktor für Diabetes. Inzwischen verdichten sich außerdem die Hinweise, dass sich auch chronischer Stress sowohl auf die Entstehung als auch den Verlauf der Krankheit negativ auswirken. Chronischer Stress verändert die Biochemie des Körpers grundlegend; bei gestressten Menschen lassen sich erhöhte Cortisolspiegel nicht nur im Blut und Speichel, sondern auch in der Flüssigkeit der Zahnfleischtaschen nachweisen.

    Wer oft Stress hat, sollte deshalb dringend Maßnahmen dagegen ergreifen: Hier können Sport oder auch Achtsamkeitstraining sowie Meditation helfen.

    Die 4 Stadien der Parodontitis

    Stadium I gilt als Übergang zwischen Gingivitis und Parodontitis. Hier kann oft noch mit vorbeugenden Maßnahmen gegengesteuert werden.

    Stadium II: Bei früher Diagnose lässt sich diese Form sehr gut behandeln und kontrollieren. 

    Stadium III und IV sind die schweren Verlaufsformen. Diese Stadien erfordern häufig auch chirurgische Eingriffe und bei IV oft die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen.

    Parodontitis-Symptome erkennen – von leicht bis fortgeschritten

    Parodontitis äußert sich oft unauffällig, aber es gibt Warnsignale:

    • Zahnfleischbluten beim Putzen oder Essen
    • Geschwollenes, gerötetes Zahnfleisch
    • Zurückgehendes Zahnfleisch – die Zähne wirken länger
    • Empfindliche Zahnhälse
    • Mundgeruch, der trotz Putzen nicht verschwindet
    • Lockere Zähne
    • Veränderungen der Zahnstellung

    Folgen der Parodontitis für die Allgemeingesundheit

    Parodontitis ist nicht nur ein zahnmedizinisches Problem; das entzündete Gewebe in den Zahnfleischtaschen ist wie eine offene Wunde, durch die Bakterien in die Blutbahn gelangen können. Inzwischen mehren sich wissenschaftliche Hinweise, dass eine Parodontitis auch Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen nimmt und eine unbehandelte oder nicht frühzeitig behandelte Parodontitis auch die Allgemeingesundheit beeinflusst. Laut der 6. Deutschen Mundgesundheitsstudie haben beispielsweise Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen durchschnittlich etwa 2 Zähne weniger als gesunde Menschen und leiden häufiger an schweren Parodontitisformen.

    Zahnvorsorge: Deshalb ist sie so wichtig

    Wer selten zu Zahnarzt oder Zahnärztin geht, wird eher nicht erkennen, dass er oder sie diese chronische Erkrankung hat – die Parodontitis tut nämlich nicht weh. Und nicht immer blutet das Zahnfleisch. Und auch nicht alle Zähne müssen Taschen aufweisen, diese können zudem unterschiedlich tief sein. Dem nicht genug: Zuweilen hat auch Taschen oder Entzündungen, wer bestimmte Medikamente nimmt. Deshalb ist es gut, regelmäßig zu Kontrollterminen zu gehen. 

    Vorsorgeuntersuchung: Parodontaler Screening-Index, PSI

    Alle 2 Jahre übernehmen wir eine spezielle Vorsorgeuntersuchung, den Parodontalen Screening-Index, PSI. Mit einer speziellen Sonde werden die Taschentiefen gemessen, auf Blutungen beim Sondieren geachtet sowie auf Zahnstein und defekte Füllungsränder. „Der PSI kann relativ sicher unterscheiden, wer parodontal gesund ist und bei wem weitere Diagnostik nötig ist“, sagt Dannewitz. Und diesen Befund sollen die Zahnärztinnen und -ärzte auch aushändigen. Zeigt der PSI Auffälligkeiten, folgt eine gründlichere Untersuchung: Der Parodontalstatus wird im Detail erhoben. „Dabei werden die Taschentiefen an mindestens 2, besser 4 oder 6 Stellen pro Zahn gemessen“, erläutert Dannewitz. Mithilfe von Röntgenuntersuchungen wird schließlich festgestellt, ob Zahnhalteapparat verloren gegangen ist – erkennbar am Knochenabbau auf Röntgenbildern.

    Parodontitis-Behandlung: Ablauf beim Zahnarzt

    Ob in einem frühen Stadium oder in einem späten: Parodontitis ist eine chronische Erkrankung. Bei der Therapie geht es deshalb darum, die parodontale Situation langfristig zu stabilisieren. Eine komplette Heilung ist nicht möglich. 

    Vor der Behandlung einer Parodontitis muss Ihr Zahnarzt bzw. Ihre Zahnärztin einen Behandlungsplan erstellen. Diesen reichen Sie bitte unbedingt bei uns zur Genehmigung ein, bevor die Behandlung beginnt. Mit unserer Kostenzusage rechnet die Zahnarztpraxis die genehmigten Kosten über Ihre Gesundheitskarte (eGK) mit uns ab.

    Behandlungsschritt 1: Schwere der Erkrankung erfassen, Aufklärung und Verhaltensänderung

    Im ersten Schritt müssen dafür die Entzündungen beseitigt und damit die Zerstörung des Zahnhalteapparats gestoppt werden. Infolge orientiert sich die Behandlung an der Schwere der Erkrankung. 

    Bevor die eigentliche Behandlung beginnt, werden alle Taschen genau ausgemessen und die Schwere der Erkrankung erfasst. Zusätzlich lässt sich der Knochenabbau an den Zähnen durch Röntgenbilder genau feststellen. Das wird dann mit Patient oder Patientin besprochen. „Die Grundlage einer systematischen Parodontitistherapie ist, dass die Patientin oder der Patient umfassend über die Erkrankung aufgeklärt wird – und darüber, was sie oder er selbst tun kann, um die Parodontitis im Griff zu behalten“, erklärt Prof. Dr. Bettina Dannewitz. Dafür muss das Verhalten der Patientinnen und Patienten auch verändert werden; wer beispielsweise raucht, dem wird ans Herz gelegt, das zu beenden. Zusätzlich lernen die Patientinnen und Patienten in Behandlungsstufe 1, wie sie ihre Zähne gründlich reinigen – mit der richtigen Zahnbürste, mit Hilfsmitteln für die Zwischenräume und vor allem systematisch. „Nicht einfach 2 Minuten schrubben und dabei andere Dinge tun, sondern bewusst jeden Zahn einzeln reinigen, besonders dort, wo er aus dem Zahnfleisch kommt“, erklärt die erfahrene Parodontologin.

    Behandlungsschritt 2: Antiinfektiöse Therapie

    Im nächsten Schritt werden die bakteriellen Beläge von den Wurzeloberflächen in den Zahnfleischtaschen entfernt – ohne dass das Zahnfleisch aufgeschnitten wird. Mit speziellen Hand- und Ultraschallinstrumenten werden die Wurzeln gründlich gereinigt, der sogenannte dysbiotische Biofilm zerstört. Und das oft an 2 Tagen und mit jeweils betäubtem Mundraum. Dieser Biofilm besteht aus Mikroorganismen und Bakterien, die natürlich in der Mundhöhle vorkommen. Bei Parodontitis hat sich die Zusammensetzung jedoch zugunsten schädlicher Bakterien verschoben. Die Behandlung erfolgt nur an Stellen mit tiefen Taschen, nicht am ganzen Gebiss. In seltenen Fällen werden zusätzlich systemisch wirkende Antibiotika zu der Zahnfleischtaschenreinigung verordnet. Jetzt sollten die Entzündungen über die kommenden Wochen verheilen, Taschen sich schließen und/oder verkleinern. Dadurch kann auch das Zahnfleisch zurückgehen. Nach etwa 3 bis 6 Monaten prüft der Arzt oder die Ärztin die Fortschritte und misst erneut.

    Behandlungsschritt 3: Ggf. Chirurgische Behandlung

    Bleiben Taschen von 6 mm oder mehr bestehen, kann eine chirurgische Behandlung nötig sein. Das betrifft meist nur einzelne Zähne mit besonders hartnäckigen Defekten. Studien zeigen, dass Taschen ab 6 mm die Langzeitprognose der Zähne deutlich verschlechtern. „Ob eine chirurgische Therapie infrage kommt, hängt von verschiedenen Faktoren ab und ist letztlich auch eine persönliche Entscheidung. Wer diesen Weg nicht gehen möchte, braucht eine engmaschige Nachsorge: Die vertieften Taschen müssen regelmäßig kontrolliert und nicht chirurgisch gereinigt werden“, weiß Dannewitz.

    Behandlungsschritt 4: Unterstützende Parodontitistherapie (UTP)

    Ist das Therapieziel erreicht, gilt es, die Erkrankung stabil zu halten: Das ist Behandlungsstufe 4. Um das möglich zu machen, wurde vor einigen Jahren die Unterstützende Parodontitistherapie, UPT, in das Leistungspaket der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen. Die UPT umfasst mehrere Komponenten:

    • Mundhygienekontrolle und bei Bedarf erneute Motivation und Unterweisung
    • Professionelle vollständige Reinigung aller Zähne von Biofilmen und Belägen
    • Regelmäßige Befunderhebung mit Taschenmessungen
    • Bei Bedarf subgingivale Instrumentierung von Problemstellen

    Die Häufigkeit der UPT-Termine richtet sich nach dem individuellen Risikoprofil, das in die individuelle Diagnose einfließt, also dem Grad der Parodontitis. Faktoren wie Nikotinkonsum, Vorerkrankungen wie Diabetes und bereits eingetretener Knochenverlust fließen in diese Risikoeinschätzung ein.

    Erfolgskriterien: Wann ist die Behandlung erfolgreich?

    Nach der aktiven Therapie sollten folgende Ziele erreicht sein:

    • Taschentiefen von maximal 4 Millimetern
    • Keine Taschen mit 5 Millimetern oder mehr
    • Keine blutenden 4-Millimeter-Taschen
    • Ein niedriger Blutungsindex
    Regelmäßige Nachsorge

    Hausmittel und unterstützende Maßnahmen bei Parodontits

    • Zähneputzen: Elektrische Zahnbürsten zeigen in Studien bessere Ergebnisse als Handzahnbürsten. Die aktuelle Deutsche Mundgesundheitsstudie zeigt, dass die Verwendung elektrischer Zahnbürsten zunimmt und sich positiv auf den Zahnerhalt auswirkt. Wichtig ist aber die richtige Technik und Systematik – nicht wie eine Handzahnbürste hin- und herschrubben, sondern korrekt ansetzen. Die bekannte Regel „2 Minuten, 2 Mal am Tag“ reicht bei Parodontitis meist nicht aus. Wer Zahnzwischenräume und Zähne, an denen das Zahnfleisch zurückgegangen ist, gründlich reinigen will, braucht mehr Zeit. Putzen Sie 2 Mal am Tag und zwar nach den Mahlzeiten, verwenden Sie eine fluoridhaltige Zahnpasta. Bleiben Sie dran. Der Aufwand lohnt sich.
    • Mindestens genauso wichtig wie das Zähneputzen ist die Reinigung der Zahnzwischenräume. 40 % der Zahnoberflächen liegen zwischen den Zähnen. Gerade hier sammeln sich die Bakterien, die Parodontitis auslösen. Wichtig: Interdentalbürsten müssen in der richtigen Größe benutzt werden, damit sie effektiv reinigen. Lassen Sie sich dazu von Ihrem zahnärztlichen Team beraten. Und: Niemals Zahnpasta auf die Interdentalbürsten geben – die Putzkörper können den dünnen Zahnschmelz im Zwischenraum schädigen.
    • Eine Mundspülung braucht im Alltag nicht zwingend verwendet zu werden: Es reicht, die Zähne mechanisch gut zu reinigen. Wer sie verwendet, sollte das nur für einen begrenzten Zeitraum tun, weil die Spülung auch die Mikroflora in der Mundhöhle verändern kann, die grundsätzlich aber eine schützende Funktion hat. Studien zeigen, dass bestimmte Wirkstoffe Bakterien in der Mundhöhle abtöten, die für die Regulierung des Blutdrucks wichtig sind. Wissenschaftliche Belege, dass Schwarzkümmel & alternative Ansätze die Parodontitis heilen können, gibt es nicht. Die Zähne gut zu putzen ist das Gebot der Stunde. Bleiben Sie dran!
    • Stressmanagement: Angesichts der wachsenden Evidenz für den Zusammenhang zwischen chronischem Stress und Parodontitis sollten Betroffene auch ihr Stresslevel im Blick haben. Bewährte Techniken zur Stressreduktion sind Bewegung. Gut für die Allgemeingesundheit ist außerdem gesunde Ernährung mit wenig Zucker und genug Schlaf. Übermäßiger Alkoholkonsum ist dagegen nicht gut.

    Richtig Zähneputzen

    Für gesunde Zähne und gesundes Zahnfleisch

    Ergänzungstarif BAHN-BKK Dental

    Keine Angst mehr vor dem Zahnarzt